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Bitte flüstern! Wie ASMR den Weg von TikTok ins Museum fand

Von Twitch bis Kunsthalle: ASMR ist längst Mainstream

Man konnte es kommen sehen. Erst waren es YouTuber, die heimlich in Mikrofone flüsterten. Dann Twitch-Streamer, die mit Hasenohren und Sensormikrofonen um Likes buhlten. Und schließlich OnlyFans-Creator, die ASMR mit einer Prise Erotik aufluden. Was als nervöses Zucken im Nacken der Netzkultur begann, ist mittlerweile im Mainstream angekommen – und jetzt auch in der Hochkultur.

💡 Was ist ASMR?

ASMR steht für Autonomous Sensory Meridian Response – ein sanftes Kribbeln, meist im Nacken- oder Kopfbereich, ausgelöst durch leise Reize.

  • Typische Sounds: Flüstern, Klopfen, Rascheln, sanfte Wiederholungen
  • Bekannt von: YouTube, Twitch, TikTok, OnlyFans
  • Was bringt’s? Entspannung, Einschlafhilfe, Performance, digitale Intimität
  • Neu: ASMR wird zunehmend auch in der Kunst genutzt, z.B. von Sunna Nousuniemi in der Kunsthalle Mainz

ASMR, dieser seltsame audiovisuelle Beruhigungstee, der mit Fingertapping, Flüstern und „Trigger Words“ arbeitet, ist zum ästhetischen Werkzeug einer ganzen Generation geworden, die zwischen Dopamin-Kick und Reizüberflutung nach irgendetwas sucht, das sich wie Nähe anfühlt. Twitch, TikTok und Co. haben ASMR zu einem Pop-Phänomen gemacht. Millionen hören es, streamen es, imitieren es. Dass sich dabei längst ein fester Katalog an Sounds und Ritualen herausgebildet hat, macht ASMR fast schon zu einer neuen Form der Folklore – ein bisschen merkwürdig, ein bisschen hypnotisch und vor allem maximal massentauglich.

Kribbeln fürs Feuilleton — ASMR erreicht die Hochkultur

Kunsthalle MainzDass ASMR nun auch im Kunstkontext auftaucht, wirkt fast zwingend. Denn was eignet sich besser, um das fragile Verhältnis zwischen Intimität, Performativität und Öffentlichkeit auszuloten? Die Künstlerin Sunna Nousuniemi nutzt genau diese Mechanik in ihrer Arbeit 100 Vuogi Dadjat Mii – Orrunsadji ASMR edition, zu sehen in der Ausstellung What is the dream that makes you dream? in der Kunsthalle Mainz.

Aber hier wird nicht einfach ein YouTube-Video auf Leinwand projiziert. Nousuniemi verbindet das Format ASMR mit der kulturellen Erinnerung der Sámi, dem indigenen Volk Nordeuropas. Flüstern und Knistern erzählen hier nicht von Selfcare oder Einschlafproblemen, sondern von oral überlieferten Geschichten, von Natur, Spiritualität und Widerstand. Die Installation wirkt wie ein stilles, beinahe zerbrechliches Echo gegen das Vergessen, gegen koloniale Strukturen, gegen die schnelle Befriedigung der Netzkultur.

ASMR als Kommentar auf die Gegenwart

Interessant ist dabei auch, wie sich ASMR in der Kunst selbst als Kommentar auf seine eigene Populärkultur liest. Die gleichen Klänge, die auf TikTok zum Massengebrauch degradiert wurden, erscheinen hier entschleunigt, poetisch, ja fast wehmütig. Nousuniemi zeigt: ASMR kann mehr, als nur beruhigen. Es kann auch erinnern, widerstehen, erzählen.

Und vielleicht ist das der eigentliche Reiz: ASMR war immer schon etwas Doppeldeutiges – zwischen Intimität und Show, zwischen Entspannung und Selbstinszenierung. Dass es jetzt im Museum angekommen ist, ist nicht etwa ein Kulturbruch, sondern fast folgerichtig. Die Kunst war ohnehin nie so weit entfernt vom Pop, wie es die Hochkultur gerne hätte.

📚 ASMR-Glossar

ASMRAutonomous Sensory Meridian Response: das berühmte Kribbeln, ausgelöst durch sanfte Reize wie Flüstern oder Klopfen.

Trigger – Reize, die ASMR auslösen: z.B. Klopfen, Flüstern, Knistern.

Tapping – rhythmisches Klopfen mit Fingern auf Oberflächen, klassischer ASMR-Sound.

Whispering – das Flüstern; zentrales Element fast aller ASMR-Performances.

Binaural Recording – räumliche Zwei-Kanal-Aufnahme, vermittelt das Gefühl, die Geräusche kämen direkt von links oder rechts ins Ohr.

Roleplay – ASMR-Videos, in denen die Creator*innen Rollen übernehmen (z.B. Friseur, Arzt, Kosmetikerin).

Mukbang – Trend, bei dem große Mengen Essen hörbar konsumiert werden. Oft in ASMR-Clips integriert.

Ear Eating – Simulation von Geräuschen, als würde das Mikrofon „geküsst“ oder „geleckt“ werden – populär auf Twitch und OnlyFans.

Tingles – der Begriff für das typische ASMR-Kribbelgefühl, das durch die Reize ausgelöst wird.

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